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Futurismus in der Kunst: Tempo, Technik und ein gefährliches Manifest
Futurismus in der Kunst bedeutet, Geschwindigkeit zu malen, und begonnen hat das 1909 nicht mit einem Bild, sondern mit einem Zeitungsartikel. Die italienische Bewegung erfand die Kunstavantgarde als Medienereignis, feierte Maschinen, Großstadt und Krieg und landete am Ende beim Faschismus. Ihre Bilder sind bis heute mitreißend, ihre Politik war es auf eine Weise, die man nicht weglassen darf.
Was ist Futurismus in der Kunst?
Der Futurismus ist eine Kunstbewegung, die 1909 in Italien entstand und Bewegung, Technik und Tempo zum Hauptthema der Kunst machte. Dabei blieb sie nicht bei der Malerei stehen. Die Futuristen schrieben Manifeste zu Skulptur, Architektur, Musik, Theater, Mode und sogar zur Küche.
Am 20. Februar 1909 erschien auf der Titelseite der Pariser Zeitung Le Figaro das „Gründungsmanifest des Futurismus“. Geschrieben hatte es der italienische Dichter Filippo Tommaso Marinetti, Sohn einer reichen Familie und ein begabter Selbstvermarkter. Gemeint war das als Kampfansage, und so las es auch jeder. Ein aufheulendes Auto sei schöner als die Nike von Samothrake, Museen und Bibliotheken sollten zerstört werden, der Krieg sei die einzige Hygiene der Welt.
Italien galt damals vielen als Land der Vergangenheit, voll von Ruinen und Renaissance, durchreist von Touristen auf Bildungsreise. Genau dieses Italien wollte Marinetti abschaffen. Ein Jahr später folgten das „Manifest der futuristischen Maler“ und das „Technische Manifest der futuristischen Malerei“, unterzeichnet von Umberto Boccioni, Carlo Carrà, Luigi Russolo, Giacomo Balla und Gino Severini. Aus einer literarischen Provokation war eine Malerbewegung geworden.
Merkmale des Futurismus: Simultaneität, Kraftlinien, Dynamik
Futuristische Bilder versuchen, Bewegung und Zeit auf einer unbewegten Leinwand sichtbar zu machen. An den Verfahren, die sie dafür erfanden, erkennt man ihre Werke bis heute.
- Vervielfältigung. Ein Gegenstand in Bewegung wird mehrfach nebeneinander gemalt, wie in einer Bildfolge. Ein laufender Hund hat dann zwanzig Beine.
- Kraftlinien. Diagonale Linien und Keile durchziehen das Bild und zeigen Richtung und Energie einer Bewegung.
- Simultaneität. Verschiedene Momente, Orte und Sinneseindrücke erscheinen gleichzeitig im selben Bild, etwa Geräusche, Licht und Bewegung einer Straße.
- Durchdringung. Figuren und Umgebung gehen ineinander über. Eine Person im Raum ist nicht vom Raum getrennt, sondern wird von Häusern, Licht und Lärm durchschnitten.
- Grelle Farben. Anders als die frühen Kubisten mit ihren Braun- und Grautönen malten die Futuristen in kräftigen, kontrastreichen Farben.
Den Anstoß dazu gab zu einem guten Teil die Chronofotografie. Der französische Physiologe Étienne-Jules Marey und der Fotograf Eadweard Muybridge hatten seit den 1870er-Jahren Bewegungsabläufe in Einzelbilder zerlegt. Die Futuristen holten dieses Prinzip auf die Leinwand, und Balla und sein Umfeld experimentierten selbst mit Fotografie.
Die wichtigsten Künstler und Werke des Futurismus
Den Kern der futuristischen Malerei bildeten fünf Künstler, die in Mailand, Rom und Paris arbeiteten und deren Hauptwerke heute vor allem in Museen in New York, Mailand und Rom hängen.
Umberto Boccioni (1882 bis 1916) war der Kopf der Gruppe, Theoretiker, Maler und Bildhauer in einer Person. Sein Gemälde „Die Stadt erhebt sich“ von 1910 zeigt Arbeiter und ein riesiges rotes Pferd in einem Wirbel aus Farbe vor einer Baustelle. Seine Bronzeplastik „Einzigartige Formen der Kontinuität im Raum“ von 1913, eine schreitende Figur, deren Körper sich in Luftströmungen aufzulösen scheint, kennt fast jeder, der in Italien schon einmal mit Kleingeld bezahlt hat. Sie ist auf der italienischen 20-Cent-Münze abgebildet.
Giacomo Balla (1871 bis 1958) war der Älteste und hatte als Einziger erkennbar Humor. Sein „Dynamismus eines Hundes an der Leine“ von 1912 zeigt einen Dackel, dessen Beine, Schwanz und Leine sich in eine Wolke aus Bewegung auflösen. Später ging er weiter als alle anderen und malte fast abstrakte Studien zu Lichtbrechung und Geschwindigkeit.
Carlo Carrà malte mit dem „Begräbnis des Anarchisten Galli“ eines der politischsten Bilder der Gruppe, eine Straßenschlacht aus Fahnen, Knüppeln und Diagonalen. Gino Severini lebte in Paris und übertrug den Futurismus auf Tanzlokale, etwa in der „Dynamischen Hieroglyphe des Bal Tabarin“. Luigi Russolo wurde vor allem als Musiker wichtig. Sein Manifest „Die Kunst der Geräusche“ von 1913 und seine Geräuschmaschinen, die Intonarumori, gelten als Vorläufer der elektronischen und experimentellen Musik.
Dazu kam der Architekt Antonio Sant'Elia, dessen Zeichnungen für eine „Città Nuova“ von 1914 Hochhäuser, Brücken und mehrstöckige Verkehrswege zeigen. Gebaut wurde davon nichts. Trotzdem sieht man die Zeichnungen in der Architektur der Moderne und in Science-Fiction-Kulissen bis heute wieder.
Futurismus und Kubismus: der Unterschied
Futurismus und Kubismus zerlegen beide Gegenstände in Facetten, verfolgen damit aber entgegengesetzte Ziele. Der Kubismus zeigt einen ruhenden Gegenstand gleichzeitig von mehreren Seiten, der Futurismus zeigt einen Gegenstand in Bewegung zu mehreren Zeitpunkten.
Ein kubistisches Stillleben von Picasso oder Braque aus der Zeit um 1910 wirkt ruhig, fast meditativ, gemalt in gedämpftem Braun, Grau und Ocker. Daneben ist ein futuristisches Bild aus demselben Jahr laut und grell. Die Kubisten interessierten sich für die Struktur der Dinge, die Futuristen für Energie und Erlebnis.
Gelernt haben die Futuristen vom Kubismus trotzdem, und Severini, der in Paris lebte, vermittelte zwischen beiden. Als die Gruppe 1912 in der Galerie Bernheim-Jeune in Paris ausstellte, warfen französische Kritiker ihr vor, sie habe lediglich den Kubismus in Bewegung gesetzt. Kurz darauf zeigte Herwarth Walden die Ausstellung in seiner Berliner Galerie Der Sturm, danach tourte sie durch Europa.
Krieg, Faschismus und das zweite Leben der Bewegung
Die Futuristen haben den Krieg nicht nur gefeiert, sie zogen 1915 auch begeistert in ihn. Italien trat im Mai 1915 in den Ersten Weltkrieg ein, viele Futuristen meldeten sich freiwillig. Boccioni starb 1916 nach einem Reitunfall während der Militärausbildung, Sant'Elia fiel im selben Jahr an der Front. Die erste Phase der Bewegung war damit vorbei.
Nach dem Krieg ging Marinetti in die Politik. 1918 gründete er eine futuristische Partei, 1919 gehörte er in Mailand zu den Gründungsmitgliedern von Mussolinis Kampfbünden, den Fasci di combattimento. Das Verhältnis zu Mussolini blieb wechselhaft, denn Marinetti wollte Monarchie und Kirche abschaffen, Mussolini arrangierte sich mit beiden. Am Ende stand Marinetti aber an der Seite des Regimes und wurde 1929 Mitglied der Königlichen Akademie Italiens. Diese Nähe ist kein Betriebsunfall. Wer den Futurismus nur als Bewegung für Tempo und Technik beschreibt, lässt weg, was schon 1909 im Manifest stand.
Künstlerisch gab es einen zweiten Futurismus. In den 1920er- und 1930er-Jahren entstand die Aeropittura, Malerei aus der Perspektive des Flugzeugs, mit schwindelerregenden Blicken auf Städte und Landschaften. Eine ihrer wichtigsten Vertreterinnen war Benedetta Cappa, Malerin, Schriftstellerin und Marinettis Ehefrau. Schon 1912 hatte Valentine de Saint-Point mit dem „Manifest der futuristischen Frau“ auf Marinettis Verachtung für Frauen geantwortet. In den meisten Überblicken kommen beide bis heute nicht vor. Mit Marinettis Tod 1944 endete die Bewegung.
Futuristische Mode, Küche und Theater
Die Futuristen wollten nicht nur Bilder malen, sondern das ganze Leben umgestalten, und sie schrieben deshalb Manifeste zu Themen, die mit Kunst auf den ersten Blick wenig zu tun haben.
Giacomo Balla entwarf ab 1914 futuristische Kleidung, asymmetrisch geschnitten und in grellen Farben, als Kampfansage an den schwarzen Anzug des Bürgertums. Er trug seine Entwürfe selbst und gestaltete in Rom auch Möbel, Lampen und ganze Räume. Die Idee, dass Kunst nicht im Museum bleibt, sondern in Kleidung und Wohnung einzieht, nahm vieles vorweg, was später am Bauhaus systematisch betrieben wurde.
Berühmt-berüchtigt ist die futuristische Küche. 1930 rief Marinetti in einem Manifest dazu auf, die Pasta abzuschaffen, weil sie die Italiener träge und schwer mache. 1932 erschien gemeinsam mit dem Maler Fillìa ein futuristisches Kochbuch mit Gerichten, die eher Performances waren, etwa Speisen, die man mit verbundenen Augen essen sollte, während man mit der anderen Hand Samt oder Sandpapier berührte. Die Italiener haben ihre Pasta behalten, die Idee eines Essens als Gesamterlebnis aber taucht in der experimentellen Gastronomie bis heute auf.
Auch das Theater wollten die Futuristen umkrempeln. Ihre Abende in den Variétés waren laut, kurz und auf Krawall gebürstet, mit Lesungen, Geräuschkonzerten und Szenen von wenigen Sekunden Länge. Das Publikum warf regelmäßig mit Gemüse, und genau das war gewollt.
Was vom Futurismus geblieben ist
Der Futurismus hat die Kunst des 20. Jahrhunderts weniger durch einzelne Bilder geprägt als durch seine Methode, Kunst als Bewegung mit Manifesten, Provokation und Medienarbeit zu betreiben.
Dadaisten, Surrealisten und viele spätere Gruppen übernahmen das Manifest als Form. In Russland entstand mit dem Kubofuturismus eine eigene Spielart, zu der Kasimir Malewitsch, Natalja Gontscharowa und der Dichter Wladimir Majakowski gehörten. In England griff der Vortizismus um Wyndham Lewis die Ästhetik auf, auch wenn er sich offiziell vom Futurismus abgrenzte.
Russolos Geräuschmusik führt direkt zur Musique concrète und zu heutiger Sound Art. Sant'Elias Stadtentwürfe tauchen in der Architektur der Moderne ebenso auf wie in Filmen wie „Metropolis“. Selbst die futuristische Grafik mit ihren schrägen Schriften und dynamischen Plakaten hat die Werbung des 20. Jahrhunderts mitgeprägt. Das Wort futuristisch bedeutet im Alltag heute einfach zukunftsweisend, ohne dass jemand an Marinetti denkt. Dass das Wort seine Herkunft so gründlich abgestreift hat, ist vielleicht der größte Erfolg der Bewegung, und ein ziemlich zweischneidiger.
Häufige Fragen zum Futurismus in der Kunst
Was zeichnet den Futurismus aus? Der Futurismus zeichnet sich durch die Verherrlichung von Geschwindigkeit, Technik, Großstadt und Krieg aus. In der Malerei zeigt er sich an vervielfältigten Bewegungen, diagonalen Kraftlinien, der gleichzeitigen Darstellung mehrerer Momente und kräftigen Farben. Typisch sind außerdem Manifeste und eine provozierende Ablehnung aller Traditionen.
Wer hat den Futurismus erfunden? Der Futurismus wurde von dem italienischen Dichter Filippo Tommaso Marinetti begründet. Er veröffentlichte am 20. Februar 1909 das Gründungsmanifest in der Pariser Zeitung Le Figaro. Die bildende Kunst der Bewegung prägten vor allem Umberto Boccioni, Giacomo Balla, Carlo Carrà, Gino Severini und Luigi Russolo.
Wann war der Zeitraum des Futurismus? Der Futurismus begann 1909 mit Marinettis Manifest. Seine wichtigste Phase lag zwischen 1909 und 1916, als die Bewegung durch den Tod Boccionis und Sant'Elias im Ersten Weltkrieg geschwächt wurde. Ein zweiter Futurismus mit der Aeropittura bestand bis zu Marinettis Tod 1944.
Welche 7 Kunstformen gibt es? Als die sieben Künste gelten meist Architektur, Bildhauerei, Malerei, Musik, Dichtung, darstellende Kunst wie Tanz und Theater sowie der Film. Den Film als „siebte Kunst“ bezeichnete 1911 der italienische Kritiker Ricciotto Canudo, ein Zeitgenosse der Futuristen.